Fried­rich Engels zum 200. Geburts­tag

Bleibt brand­ak­tu­ell*

 

Manu­el Kell­ner

Fried­rich Engels (1820 gebo­ren) wur­de bekannt als Mit­strei­ter von Karl Marx. Mit ihm zusam­men ent­wi­ckel­te er nicht nur eine bis auf den heu­ti­gen Tag gül­ti­ge Kri­tik der kapi­ta­lis­ti­schen Klas­sen­ge­sell­schaft, son­dern auch die sozia­lis­ti­sche Per­spek­ti­ve der Selbst­be­frei­ung des Pro­le­ta­ri­ats als Hebel für eine umfas­sen­de mensch­li­che Eman­zi­pa­ti­on. Sei­ne popu­la­ri­sie­ren­den Schrif­ten hat­ten lan­ge Zeit gro­ßen Ein­fluss auf die Ori­en­tie­rung der Arbeiter*innenbewegung und begrün­de­ten die „mar­xis­tisch“ genann­te Denk­tra­di­ti­on.

Fried­rich Engels ( Foto­gra­fie von Wil­liam Elliott Deben­ham, 1891; Gemein­frei)

Engels‘ frü­he Schrift von 1844 Umris­se zu einer Kri­tik der Natio­nal­öko­no­mie nann­te Marx spä­ter eine „genia­le Skiz­ze zur Kri­tik der öko­no­mi­schen Kate­go­rien“. Die Volks­wirt­schafts­leh­re hin­ter­fra­ge nicht das Pri­vat­ei­gen­tum, das die Kon­kur­renz her­vor­brach­te und die mensch­li­che Gesell­schaft zu „zer­split­ter­ten Ato­men“, die Beschäf­tig­ten der moder­nen Indus­trie zu „Lohn­skla­ven“ mach­te und Men­schen und Erde zu Objek­ten des all­ge­mei­nen „Scha­chers“ her­ab­wür­dig­te.

Engels beschrieb nicht nur das Elend der neu­en Lohn­skla­ven, son­dern sah deren Bewe­gung – wie die der für das all­ge­mei­ne Wahl­recht agi­tie­ren­den Char­tis­ten – als das Sub­jekt, das die bestehen­den Ver­hält­nis­se umwälzt. Durch die Ver­schmel­zung mit den sozia­lis­ti­schen Strö­mun­gen etwa eines Robert Owen woll­te sie die Pro­duk­ti­on gemein­schaft­li­cher Kon­trol­le unter­wer­fen und den schrei­en­den Wider­spruch der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se über­win­den, in der gera­de der größ­te Über­fluss das größ­te Elend her­vor­bringt.

Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land von 1845 ist eine mit­rei­ßen­de Schil­de­rung der Zustän­de. Sie beruht eben­so sehr auf eige­ner Anschau­ung wie auf der Ver­ar­bei­tung des ver­füg­ba­ren doku­men­ta­ri­schen Mate­ri­als. Auch hier geht es nicht nur um die scham­lo­se und zer­rüt­ten­de Aus­beu­tung, son­dern auch um die auf­flam­men­de Gegen­wehr und die Soli­da­ri­tät, in der Engels die Zukunft sah.

Engels Sta­tue in Wup­per­tal (Foto: RaHo)

Im Rück­blick sagt Marx viel spä­ter, das „Wie­der­le­sen die­ser Schrift“ habe ihn „mit Bedau­ern das Altern mer­ken las­sen. Wie frisch, lei­den­schaft­lich, kühn vor­aus­grei­fend und ohne gelehr­te und wis­sen­schaft­li­che Beden­ken wird hier die Sache gefasst! Und die Illu­si­on selbst, dass mor­gen oder über­mor­gen das Resul­tat auch geschicht­lich ans Tages­licht sprin­gen wird, gibt dem Gan­zen eine Wär­me und lebens­lus­ti­gen Humor – woge­gen das spä­te­re ‚Grau in Grau‘ ver­dammt unan­ge­nehm absticht.“

Noch hun­dert­zehn Jah­re nach dem Erschei­nen die­ser Schrift, im Jahr 1955, nann­te die UNESCO sie ein Modell für die sozi­al­wis­sen­schaft­li­che For­schung. Sie ist aber auch ein Auf­ruf zur Mas­sen­ak­ti­on. Wenn „die Lawi­ne“ in Bewe­gung gerät, heißt es da, „wird aller­dings der Schlacht­ruf durch das Land schal­len: Krieg den Paläs­ten, Frie­de den Hüt­ten!“– was ja noch heu­te als Mot­to über jeder Aus­ga­be unse­rer Sozia­lis­ti­schen Zei­tung steht.

Zer­split­ter­te Ato­me
Unmit­tel­ba­re frü­he Gemein­schafts­ar­bei­ten von Marx und Engels waren ins­be­son­de­re die Deut­sche Ideo­lo­gie (1846), die Hei­li­ge Fami­lie (eine pole­mi­sche Abrech­nung mit den Jung­he­ge­lia­nern) und das Mani­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei von 1848.

Der ers­te Teil der „zur Selbst­ver­stän­di­gung“ geschrie­be­nen Deut­schen Ideo­lo­gie ent­wi­ckelt die his­to­risch-dia­lek­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Grund­über­zeu­gun­gen der bei­den, das „Mani­fest“ ihr poli­ti­sches Cre­do – es ist nicht umsonst die glo­bal am wei­tes­ten ver­brei­te­te poli­ti­sche Schrift. Eine wich­ti­ge Vor­ar­beit dazu waren die „Grund­sät­ze des Kom­mu­nis­mus“ von Engels, mit Fra­gen und Ant­wor­ten sti­lis­tisch an katho­li­sche Kate­chis­men ange­lehnt.

Man­che Aus­sa­gen bei­der Schrif­ten wur­den von Marx und Engels spä­ter revi­diert, wie die vom „Ver­kauf der Arbeit“ (statt der „Arbeits­kraft“), ande­re, wie das Fei­ern der rasan­ten Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung durch die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se, auf der das gan­ze eman­zi­pa­to­ri­sche Vor­ha­ben beruh­te, wur­den rela­ti­viert und das Umschla­gen der Pro­duk­tiv- in Destruk­tiv­kräf­te bemerkt: „So wer­den wir bei jedem Schritt dar­an erin­nert, dass wir kei­nes­wegs die Natur beherr­schen, wie ein Erobe­rer ein frem­des Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – son­dern, dass wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr ange­hö­ren und mit­ten in ihr ste­hen, und dass unse­re gan­ze Herr­schaft über sie dar­in besteht, im Vor­zug zu allen ande­ren Geschöp­fen ihre Geset­ze erken­nen und rich­tig anwen­den zu kön­nen.” (MEW 20, S. 453.)

Jeden­falls blei­ben die­se Schrif­ten auf ihre Wei­se brand­ak­tu­ell – denn die Geschich­te der Klas­sen­kämp­fe, von denen sie aus­geht, ist nicht zu Ende und treibt ihrer Ent­schei­dung ent­ge­gen, zum Guten oder zum Schlech­ten.

Fried­rich Engels (Foto­gra­fie zwi­schen 1857 und 1859; Gemein­frei)

Sehr bekannt ist die Rol­le von Engels für die Her­aus­ga­be der Bän­de II und III des Kapi­tals von Karl Marx, gestützt auf des­sen hand­schrift­li­che Ent­wür­fe und Noti­zen. Das eben­so gro­ße Ver­dienst der Marx-Toch­ter Elea­nor, die dar­an kon­ge­ni­al mit­wirk­te, wird sehr viel sel­te­ner her­vor­ge­ho­ben (vgl. Lady Liber­ty, SoZ 5/2018). Vor allem Band III ist nur ziem­lich bedingt „von Marx“. Wie die neue­re For­schung zeigt, beschäf­tig­te er sich in sei­nen letz­ten Jah­ren inten­siv mit der Land­wirt­schaft und den ver­hee­ren­den Fol­gen mensch­li­cher Pro­duk­ti­ons­tä­tig­keit für die Erde (vgl. Der grü­ne Marx, SoZ 3/2018). Nur, wenn er damit nach eige­nem Urteil weit genug gekom­men wäre, hät­te er Band III ver­öf­fent­li­chungs­reif gemacht, und der wäre wahr­schein­lich in Man­chem anders gera­ten, als wir ihn heu­te ken­nen.
Die spä­te­ren eigen­stän­di­gen Schrif­ten von Fried­rich Engels sind auch heu­te noch eine Fund­gru­be für Ele­men­te der Erklä­rung und Kri­tik der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se. Hier­bei wird ein gewis­ses Span­nungs­ver­hält­nis deut­lich zwi­schen sei­nem Ver­ständ­nis der dia­lek­tisch-mate­ria­lis­ti­schen Geschichts­auf­fas­sung als For­schungs­pro­gramm und als – die Phi­lo­so­phie hin­ter sich las­sen­de – „Welt­an­schau­ung“.

Beson­ders die von ihm hin­ter­las­se­nen Frag­men­te zur Dia­lek­tik der Natur, gestützt auf natur­wis­sen­schaft­li­che Resul­ta­te sei­ner Zeit, machen das deut­lich. Ist es im dia­lek­ti­schen Ver­ständ­nis mög­lich, aus dem Sub­jekt-Objekt-Ver­hält­nis her­aus­zu­sprin­gen? Eigent­lich nicht, wenn die ach­te der The­sen über Feu­er­bach ernst­ge­nom­men wird: „Alle Mys­te­ri­en, wel­che die Theo­rie zum Mys­ti­zis­mus ver­an­las­sen, fin­den ihre ratio­nel­le Lösung in der mensch­li­chen Pra­xis und in dem Begrei­fen die­ser Pra­xis“ – eine von die­ser Pra­xis getrenn­te, im Sin­ne eines erkennt­nis­theo­re­ti­schen Rea­lis­mus onto­lo­gisch fixier­te Natur fin­det sich hier nicht.

For­schung und Leh­re
Herrn Eugen Düh­rings Umwäl­zung der Wis­sen­schaft und die spä­te­re Kurz­fas­sung Die Ent­wick­lung des Sozia­lis­mus von der Uto­pie zur Wis­sen­schaft sind laut dem Urteil von Hel­mut Flei­scher das „pro­ble­ma­tischs­te Stück ‚mar­xis­ti­scher Phi­lo­so­phie‘“ (1974). Sie erschei­nen zumin­dest als Vor­ent­wurf spä­te­rer Dog­ma­ti­sie­run­gen und bean­spru­chen, eine „Leh­re“ zu fixie­ren.

Des­sen unge­ach­tet ent­hal­ten sie bril­lan­te Pas­sa­gen, zum Bei­spiel zur Zurück­wei­sung von Geschichts­auf­fas­sun­gen, die „die Gewalt“ in den Mit­tel­punkt stel­len. So unter­wirft sich der gestran­de­te Robin­son Frei­tag mit­hil­fe sei­nes „Degens“, also mit „Gewalt“! Eben der Degen, wand­te Engels spitz­zün­gig ein, ver­weist auf den Vor­rang der Öko­no­mie und der Pro­duk­ti­ons­wei­se, ohne die Robin­son gar kei­nen Degen gehabt hät­te.

Fried­rich Engels (Zeich­nung von Wil­helm Feist­korn, 1840; Gemein­frei)

Sei­ne mili­tär­po­li­ti­schen Schrif­ten und Kriegs­kor­re­spon­den­zen (sein ein­schlä­gi­ges leb­haf­tes Fach­in­ter­es­se hat­te ihm den – eng­lisch aus­ge­spro­che­nen – Spitz­na­men des gene­ral ein­ge­tra­gen) und die Arbei­ten zu ver­schie­de­nen The­men der mensch­li­chen Vor- und Früh­ge­schich­te zei­gen Engels als einen Autoren, der kei­nes­wegs so tut, als habe er mit sei­ner „Anschau­ung“ schon die Wahr­heit gepach­tet. Viel­mehr stützt er sich jeweils auf pro­fun­de Fach­kennt­nis­se, und zumin­dest sei­ne zen­tra­len Aus­sa­gen blei­ben bis heu­te beacht­lich.

Klas­se und Patri­ar­chat
Das gilt zum Bei­spiel für sei­nen Auf­satz „Der Anteil der Arbeit an der Mensch­wer­dung des Affen“ (geschrie­ben 1876, ver­öf­fent­licht erst 1896). Er basiert auf den Arbei­ten von Lamark, Dar­win, Wal­lace und Haeckel und ist in ein­zel­nen Aus­sa­gen natür­lich seit lan­gem schon über­holt (zum Bei­spiel sind in der moder­nen bio­lo­gi­schen Sys­te­ma­tik Men­schen im sel­ben Sin­ne Affen, wie sie Säu­ge­tie­re sind). Doch die grund­le­gen­de Erkennt­nis des Zusam­men­hangs von Hän­den, auf­rech­tem Gang, hoch ent­wi­ckel­tem Gehirn, Spra­che, Werk­zeug­pro­duk­ti­on und Ver­ge­sell­schaf­tung mit gemein­schaft­li­cher Arbeit ist heu­te wis­sen­schaft­lich unum­strit­ten.

Die Schrift von 1884 – Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staats, Im Anschluss an Lewis H. Mor­gans For­schun­gen – ange­regt durch nach­ge­las­se­ne Noti­zen von Marx, war epo­che­ma­chend. Auch hier sind ein­zel­ne Befun­de durch neue­re For­schun­gen wider­legt. Doch sozia­lis­tisch-femi­nis­ti­sches For­schungs­in­ter­es­se wird auch heu­te noch inspi­riert von Sät­zen wie die­sem: „Der ers­te Klas­sen­ge­gen­satz, der in der Geschich­te auf­tritt, fällt zusam­men mit der Ent­wick­lung des Ant­ago­nis­mus von Mann und Frau in der Ein­zel­e­he, und die ers­te Klas­sen­un­ter­drü­ckung mit der des weib­li­chen Geschlech­tes durch das männ­li­che.“

Ich emp­feh­le allen, die einen ers­ten Ein­druck vom theo­re­ti­schen Erbe des Fried­rich Engels gewin­nen wol­len, ein neu­es von Bru­no Kern her­aus­ge­ge­be­nes Buch.** Es han­delt sich um eine kri­ti­sche Wür­di­gung, eine gelun­ge­ne, klug ein­ge­lei­te­te und kom­men­tier­te Samm­lung von Aus­zü­gen wich­ti­ger Schrif­ten von Engels. Kerns Kom­men­ta­re mögen an der einen oder ande­ren Stel­le Kon­tro­ver­sen aus­lö­sen – infor­ma­tiv und anre­gend sind sie alle­mal.


* Die­ser Arti­kel wur­de ursprüng­lich für die Sozia­lis­ti­sche Zei­tung geschrie­ben.
** Bru­no Kern (Hrsg.), Fried­rich Engels, Im Wider­spruch den­ken, Ansich­ten eines smar­ten Revo­lu­tio­närs, Wies­ba­den 2020, 158 S.

Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Okto­ber 2020
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