Kriegs­tüch­tig­keit“ statt Friedensfähigkeit?

Star­kes Som­mer­se­mi­nar der ISO Rhein-Neckar

 

B. N.

Wie brand­ak­tu­ell das The­ma unse­res dies­jäh­ri­gen Som­mer­se­mi­nars war, zeig­te sich schon an der erfreu­lich gro­ßen Zahl von Teil­neh­men­den. Trotz drü­cken­der Hit­ze betei­lig­ten sich alle aktiv an den Grup­pen-Arbeits­pha­sen und den Dis­kus­sio­nen im Plenum.

Schulstreik gegen „Wehrpflicht“ in Mannheim, 27. März 2026. (Foto: KIM.)

Schul­streik gegen „Wehr­pflicht“ in Mann­heim, 27. März 2026. (Foto: KIM.)

Im ers­ten Block führ­te uns ein aus­führ­li­cher, gut recher­chier­ter Vor­trag die bedroh­li­che Lage vor Augen: welt­weit stei­gen­de Rüs­tungs­aus­ga­ben, ato­ma­res Auf­rüs­ten, neue und alte krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen in ver­schie­dens­ten Tei­len der Welt. Häu­fig spie­len dabei die Inter­es­sen impe­ria­ler Mäch­te eine Rolle.

Die Bedro­hung zeigt sich jedoch auch im ideo­lo­gi­schen Bereich. Als unser Refe­rent eini­ge klas­si­sche Kenn­zei­chen von Pro­pa­gan­da auf­zeig­te, bedurf­te es kei­ner wei­te­ren Erläu­te­rung: Was wir von Politiker:innen, in öffent­li­chen Debat­ten und in den öffent­lich-recht­li­chen Medi­en seit Beginn des Ukrai­ne-Kriegs erle­ben, ist rei­ne Kriegs­pro­pa­gan­da. Deutsch­land soll wie­der „kriegs­tüch­tig“ werden.

Der Krieg und die arbei­ten­de Klasse
Im zwei­ten Block ging unse­re Refe­ren­tin auf den Zusam­men­hang zwi­schen Krieg und der Lage der arbei­ten­den Klas­se ein. Wäh­rend die arbei­ten­de Klas­se am meis­ten unter Krie­gen lei­det, ist sie auch die Klas­se, die dem Krieg sei­ne Grund­la­gen ent­zie­hen kann. Dazu muss sie aller­dings die Kon­trol­le der Pro­duk­ti­on demo­kra­tisch und selbst­ver­wal­tet in ihre eige­nen Hän­de neh­men. So weit ent­fernt das auch klingt, ohne eine ent­spre­chen­de Gesell­schafts­ord­nung droht der Mensch­heit ihre (nahe­zu) kom­plet­te Auslöschung.

Anti­kriegs­be­we­gun­gen des 20. Jahrhunderts
Im 20. Jahr­hun­dert haben sich immer wie­der Men­schen gegen den Krieg gestellt. Als größ­te Anti­kriegs­be­we­gun­gen kön­nen die Febru­ar- und die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Russ­land 1917 und die Novem­ber­re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land 1918 betrach­tet wer­den. Sie führ­ten zur Been­di­gung des Ers­ten Weltkriegs.

Zwei Grup­pen des Semi­nars setz­ten sich inten­siv mit der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on aus­ein­an­der. Die­se ver­än­der­te Deutsch­land nach vier Jah­ren Welt­krieg. Die Mas­se der Men­schen leb­te im Elend. Als die Matro­sen 1918 zur aus­sichts­lo­sen letz­ten Schlacht für die „Ehre“ der Admi­rä­le auf­bre­chen soll­ten, ver­wei­ger­ten sie sich den Befehlen.

Die Revo­lu­ti­on nahm ihren Lauf. Sie konn­te auf­bau­en auf einer weit ver­brei­te­ten anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen und anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Ideo­lo­gie. In Betrie­ben und im Mili­tär bil­de­ten sich Arbei­ter- und Sol­da­ten­rä­te. Es fehl­te jedoch eine revo­lu­tio­när-sozia­lis­ti­sche Mas­sen­par­tei. So wur­de die Revo­lu­ti­on bekämpft von der Füh­rung der Mehr­heits-SPD. Sie hat­te schon vier Jah­re zuvor die arbei­ten­de Klas­se ver­ra­ten, als sie für die Kriegs­kre­di­te stimm­te. Nun schlug sie die Revo­lu­ti­on mit­hil­fe faschis­ti­scher Frei­korps und von Regie­rungs­trup­pen blu­tig nie­der. Zehn­tau­sen­de Arbeiter:innen wur­den ermor­det. Der Grund­stein für den Sie­ges­zug des Faschis­mus war gelegt.

Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg ent­wi­ckel­te sich in Deutsch­land die Frie­dens­be­we­gung. Zwei Semi­nar­grup­pen setz­ten sich mit dem Kapi­tel der Anti­ra­ke­ten­be­we­gung von 1979 bis 1983 aus­ein­an­der. Sie beton­ten das brei­te Bünd­nis, das ver­schie­de­ne gesell­schaft­li­che Sek­to­ren im Kampf gegen die ato­ma­re Auf­rüs­tung vereinte.

Eini­ge Semi­nar-Teil­neh­men­de erin­ner­ten sich, dass damals eine soli­da­ri­sche Grund­stim­mung geherrscht hat. Die Bevöl­ke­rung war der Bewe­gung gegen­über ins­ge­samt posi­tiv gestimmt. Man war inter­na­tio­nal ver­netzt. Aller­dings wur­de die herr­schen­de Klas­se nicht an sich her­aus­ge­for­dert. Eini­ge Erfol­ge wie Abrüs­tungs­ver­trä­ge kön­nen zum Teil mit auf die Bewe­gung zurück­ge­führt wer­den. Ins­ge­samt blieb der Ein­fluss auf die Macht­ver­hält­nis­se jedoch begrenzt. In den Betrie­ben ent­wi­ckel­te sich kei­ne aus­rei­chen­de Gegenwehr.

Und heu­te?
Die aktu­el­le Anti­kriegs­be­we­gung erscheint klein und schwach. Die Semi­nar-Teil­neh­men­den beob­ach­te­ten aber ein stei­gen­des Bewusst­sein für die stei­gen­de mili­tä­ri­sche Bedro­hung. Schüler:innen streik­ten zu Zehn­tau­sen­den gegen die Kriegs­dienst­pflicht und berei­ten wei­te­ren Pro­test vor.

In Gewerk­schaf­ten und Betrie­ben bil­den sich immer mehr Initia­ti­ven, die sich dem teils schon mili­ta­ris­ti­schen Kuschel­kurs der Gewerk­schafts­füh­run­gen mit Poli­tik und Kapi­tal ent­ge­gen­stel­len. Eini­ge unter­neh­men Anläu­fe zur Vernetzung.

Auch die Semi­nar-Teil­neh­men­den wol­len sich in ihrem Umfeld für eine Ein­heit und gemein­sa­me Aktio­nen der anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Akteu­re ein­set­zen. Hier­zu blei­ben wir im Aus­tausch. Denn der Kriegs­kurs der Herr­schen­den kann nur mit ver­ein­ter Gegen­wehr auf­ge­hal­ten werden.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Sep­tem­ber 2026
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