„Solidarität statt sozialer Kälte“
Rund 130 Menschen beteiligten sich am diesjährigen Gedenken an die antifaschistische Widerstandsgruppe um Georg Lechleiter (zu ihrer Geschichte siehe https://iso-4-rhein-neckar.de/erinnern-heisst-kaempfen/). Wir geben im Folgenden die aus Platzgründen leicht gekürzte Eröffnungsrede von Andreas Hauk (Vorstandsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten / VVN-BdA Kreisvereinigung Mannheim) wieder.

Lechleiter-Gedenken in Mannheim, 15. September 2026. (Foto: Helmut Roos.)
Erinnerung lebt davon, dass sie von Mensch zu Mensch weitergegeben wird. Sie bleibt nicht bei der Geschichte stehen, sondern verbindet die Generationen miteinander und wird so Teil unserer Gegenwart.
Aber wir wollen heute nicht nur zurückblicken. Wir erinnern an Menschen, die sich entschieden haben, nicht wegzusehen und sich nicht anzupassen. Und deshalb stellt sich auch für uns die Frage, was wir heute tun, wenn Menschenfeindlichkeit, soziale Ausgrenzung und autoritäre Antworten wieder en vogue werden.
Vor wenigen Tagen hat die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent gewonnen. Sie hat ihr Ergebnis von vor fünf Jahren mehr als verdoppelt und die absolute Mehrheit nur knapp verpasst.
Das ist kein Randphänomen mehr. Das ist Realität, die auf uns zurollt. Eine Realität, der wir uns gemeinsam entgegenstellen und die wir brechen müssen. Denn für viele Menschen ist das ganz real bedrohlich: für Migrantinnen und Migranten, für queere Menschen, für Linke und für alle, die anders sind.
Aber der Aufstieg der Rechten fällt nicht vom Himmel. Er hat auch damit zu tun, wie Politik auf soziale Krisen antwortet.
Die Politik der Großen Koalition steht für uns nicht für einen Aufbruch, als der sie uns verkauft werden soll, sondern für Sachverwaltung oder gar Zuspitzung dieser elenden Verhältnisse. Während für diejenigen, die ohnehin viel besitzen, immer wieder Entlastungen und neue Spielräume geschaffen werden, wird der Mehrheit zugemutet, mit steigenden Mieten, hohen Lebenshaltungskosten, prekären Arbeitsverhältnissen und immer weniger Perspektive zurechtzukommen.
Diese soziale Kälte schafft Unsicherheit und Frust. Und wo Menschen das Gefühl bekommen, dass ihre Interessen keine Rolle spielen, sie keine Handlungsmacht haben, haben rechte Kräfte leichtes Spiel, wenn sie soziale Probleme in Hass auf diejenigen umdeuten, die vermeintlich noch weniger haben oder ohnehin ausgegrenzt werden. Die einzige Handlungsmacht, die einem die AfD anbietet, ist es zu entscheiden, wer vom Schlauchboot ins Mittelmeer getreten wird, ist es zu entscheiden, wem es noch schlechter gehen darf.
Unsere Antwort auf dieses widerwärtige Angebot muss eine klare Absage sein. Ein deutliches ‚Nein!‘ Unsere Antwort ist Solidarität statt Spaltung.
Wir wollen eine Gesellschaft, in der niemand gegen jemand anderen ausgespielt wird. Eine Gesellschaft, in der unterschiedliche Lebensentwürfe selbstverständlich nebeneinander Platz haben. In der Vielfalt nicht als Bedrohung gilt, sondern als Stärke. Und in der Zusammenhalt nicht bedeutet, dass sich alle anpassen müssen, sondern dass wir füreinander einstehen. Eine Gesellschaft, die es Menschen erlaubt in Würde zu leben.
Genau darin liegt auch eine Verbindung zu Georg Lechleiter und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern. Sie haben uns nicht nur ein Vermächtnis des Widerstands hinterlassen. Sie haben uns gezeigt, was möglich wird, wenn Menschen sich zusammenschließen, wenn sie einander vertrauen und wenn Solidarität stärker ist als Angst. Auch wenn ihre Feinde übermächtig erschienen, unser Gedenken zeigt, dass sie gewonnen haben.
Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die wir von diesem Gedenken mitnehmen können: Faschismus begegnet man nicht nur mit Erinnerung. Man begegnet ihm mit einer Gesellschaft, die niemanden zurücklässt. Mit Solidarität statt sozialer Kälte, mit Zusammenhalt statt Spaltung und mit Vielfalt statt Ausgrenzung.
Diese Haltung lebt nicht nur in Worten. Sie lebt in den Menschen und Initiativen, die sich heute engagieren – auf der Straße, in Betrieben und Gewerkschaften, in antifaschistischen Gruppen, in queeren Zentren und überall dort, wo Menschen sich nicht damit abfinden, dass Rechte bestimmen, wer dazugehören darf.
