Tarif­ab­schluss Che­mie und Phar­ma 2026

Die Zeche zah­len die Beschäftigten

 

J. J.

Am 25. März 2026 haben die Indus­trie­ge­werk­schaft IGBCE und der Bun­des­ar­beit­ge­ber­ver­band Che­mie BAVC das Che­mie­ta­rif­pa­ket 2026 mit dem Titel „Trans­for­ma­ti­ons­pakt Che­mie – Brü­cken für Beschäf­ti­gung und Wett­be­werbs­fä­hig­keit“ unter­schrie­ben. Es gilt für rund 585.000 Beschäf­tig­te in 1.700 Betrie­ben der Che­mie- und Pharmaindustrie.

Protest bei Alstom Power in Mannheim, 2. November 2010. (Foto: Helmut Roos.)

Pro­test bei Als­tom Power in Mann­heim, 2. Novem­ber 2010. (Foto: Hel­mut Roos.)

Mit­te Dezem­ber 2025 hat­te die IGBCE ihre Tarif­for­de­rung 2026 für die Che­mie- und Phar­ma­in­dus­trie beschlos­sen. Wenig kon­kret for­der­te sie: „Eine Erhö­hung der Ein­kom­men für die Tarif­be­schäf­tig­ten und Aus­zu­bil­den­den, die die Kauf­kraft wei­ter stärkt. Tarif­li­che Instru­men­te zur Beschäf­ti­gungs­si­che­rung.“ Der BAVC for­der­te ange­sichts „schwie­ri­ger Rah­men­be­din­gun­gen“ eine Nullrunde.

Hei­ße Luft und lee­re Wor­te
Der IGBCE-Ver­hand­lungs­füh­rer Hein­rich lehn­te im Dezem­ber eine Null­run­de ab. Die­se wür­de kei­nen Job ret­ten „in die­ser Bran­che, die so kapi­tal­in­ten­siv ist wie kaum eine andere.“

Der BAVC for­der­te vor der 1. Bun­des­ver­hand­lung am 4. Febru­ar 2026 noch­mals eine „Atem­pau­se“. Aber Hein­rich erklär­te, es gäbe „immer noch mas­si­ven Nach­hol­be­darf bei den Löh­nen“. Er wol­le kei­nen Abschluss, der „einen Kauf­kraft­ver­lust darstellt.“

Spä­tes­tens mit Tarif­ab­schluss Ende März war klar, dass Hein­richs Wor­te nur hei­ße Luft waren. Die IGBCE konn­te ihre For­de­run­gen nicht durchsetzen.
• Der Tarif­ver­trag hat eine lan­ge Lauf­zeit vom 1. März 2026 bis zum 31. Mai 2028. Damit hat sich die IGBCE ohne Not tarif­po­li­ti­sche Fes­seln ange­legt. Die unkal­ku­lier­ba­ren Risi­ken hin sicht­lich Teue­rung und Infla­ti­on tra­gen die Beschäftigten.
• Für die ers­ten zehn Mona­te der Tarif­lauf­zeit vom 1. März bis zum 31. Dezem­ber 2026 gibt es kei­ne Lohn­er­hö­hung. Erst am 1. Janu­ar 2027 wer­den die Ent­gel­te um 2,1 % erhöht und dann am 1. Janu­ar 2028 in einer zwei­ten Stu­fe um 2,4 %. Damit hat die IGBCE wei­te­ren Real­lohn­ver­lust akzeptiert.
• Auch bei der Beschäf­ti­gungs­si­che­rung bie­tet der Tarif­ab­schluss wenig. Pro Beschäf­tig­ten zah­len die Unter­neh­men für die Jah­re 2026 und 2027 jeweils 300 Euro in den betrieb­li­chen Demo­gra­fie-Fonds ein. Die­ser „Trans­for­ma­ti­ons­be­trag“ soll für von den Betriebs­par­tei­en ein­ver­nehm­lich ver­ein­bar­te Maß­nah­men zur Beschäf­ti­gungs­si­che­rung die­nen. Doch damit sind kei­ne Ver­pflich­tun­gen für die Unter­neh­men ver­knüpft, Stand­or­te und Arbeits­plät­ze zu erhalten.

Kri­sen­ab­schluss“ im Sin­ne des Kapitals
Für das Che­mie­ka­pi­tal ist die­ser Abschluss ein Erfolg: 27 Mona­te Tarif­ru­he, nied­ri­ge Lohn­er­hö­hun­gen und unver­bind­li­che Stand­ort­si­che­rungs­re­geln scho­nen die Profite.

Für die Beschäf­tig­ten ist er eine Nie­der­la­ge: wei­te­rer Kauf­kraft­ver­lust, mit Tarif­ver­zicht finan­zier­te betrieb­li­che Maß­nah­men, aber kei­ne ver­bind­li­chen Stand­ort- und Arbeitsplatzgarantien.

Laut dem Vor­sit­zen­den der IGBCE Vas­si­lia­dis sind die Beschäf­tig­ten mit die­sem „Kri­sen­ab­schluss” in Vor­leis­tung getre­ten. Jetzt müs­sen „auch ande­re lie­fern“. Dar­an will er die „Ent- schei­der“ mes­sen. Aber was die IGBCE tun will, wenn die­se nicht lie­fern, lässt er viel­sa­gend offen.

Sozi­al­part­ner­schaft” nützt der auto­ri­tä­ren Rechten
Wie gewohnt gab es kei­ne Warn­streiks, son­dern ledig­lich Kund­ge­bun­gen und Demons­tra­tio­nen. Dabei zeig­te sich erneut die gerin­ge Mobi­li­sie­rungs- und Kampf­kraft der IGBCE. 2024 waren es rund 200 Aktio­nen mit etwa 50.000 Teil­neh­men­den, dies­mal nur „mehr als 100 Aktio­nen“ mit eini­gen Tau­send Beschäftigten.

Nach der Tarif­run­de 2024 zog Avan­ti² fol­gen­des Fazit: „Jede wei­te­re kampf­lo­se und ‚part­ner­schaft­li­che‘ Tarif­run­de ver­tieft die Sozi­al­part­ner­schaft der IGBCE und schwächt ihre gerin­ge Kampf­fä­hig­keit wei­ter. […] so wird bei den Beschäf­tig­ten kein Klas­sen­be­wusst­sein, kein Ver­trau­en in ihre Gewerk­schaft und kei­ne Kampf­kraft entwickelt.“

Mit der Tarif­run­de 2026 hat die IGBCE-Füh­rung die­se Ent­wick­lung bewusst vor­an­ge­trie­ben. Dies hat ver­hee­ren­de Fol­gen. Denn wenn es gegen die Angrif­fe von Kapi­tal und Poli­tik kei­ne gewerk­schaft­li­che Gegen­wehr gibt, gewinnt die auto­ri­tä­re Rech­te wei­ter an Einfluss.

Umso wich­ti­ger ist es, jetzt in den Betrie­ben und Gewerk­schaf-ten für eine akti­ve und kämp­fe­ri­sche Poli­tik im Inter­es­se der Beschäf­tig­ten ein­zu­tre­ten. Nur mit einem sol­chen Kurs­wech­sel kann es gelin­gen, die Klas­sen­in­ter­es­sen der Arbei­ten­den zu ver­tei­di­gen und die auto­ri­tä­re Rech­te zurückzudrängen.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Mai 2026
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