Betriebs­rats­wah­len 2026

Noch mehr Krat­zer im Lack? (I)*

 

H. N.

Betriebs­rats­wah­len haben eine zen­tra­le Bedeu­tung – nicht nur, aber vor allem für die Arbeits­welt. Dort ist die unge­brems­te Kapi­tal­of­fen­si­ve unmit­tel­bar zu spü­ren. Arbeits­platz­ab­bau, Kon­kur­renz­druck und zuneh­men­der Stress im Beruf sind all­täg­lich. Auch der anhal­ten­de poli­ti­sche Rechts­ruck und die poli­ti­sche Schwä­che von Gewerk­schaf­ten machen sich zuneh­mend in den Beleg­schaf­ten bemerkbar.

Wahlwerbung der IGM bei Tesla Grünheide, 2024. (Foriot: IGM-BBS.)

Wahl­wer­bung der IGM bei Tes­la Grün­hei­de, 2024. (Fori­ot: IGM-BBS.)

Chris­tia­ne Ben­ner, Ers­te Vor­sit­zen­de der mit über 2 Mil­lio­nen Mit­glie­dern immer noch größ­ten DGB-Gewerk­schaft IG Metall (IGM), zog bereits eine posi­ti­ve Zwi­schen­bi­lanz. Die IGM domi­niert laut Ben­ner die seit März (bis Ende Mai) lau­fen­den Betriebs­rats­wah­len 2026 mit einem Stim­men­an­teil von durch­schnitt­lich fast 80 Pro­zent. Von einem Rechts­ruck in den Betrie­ben kann ihr zufol­ge kei­ne Rede sein.

In der Tat haben in der IGM orga­ni­sier­te Kandidat:innen etwa 2.300 der bis zum 17. März 2.900 ver­ge­be­nen Man­da­te gewon­nen. In wich­ti­gen Kon­zer­nen wie Audi, Daimler/Mercedes, Sie­mens oder VW haben die Wah­len bereits statt­ge­fun­den. Bis Ende Mai wird jedoch noch über rund 60.000 wei­te­re Sit­ze in etwa 9.500 Betriebs­rats­gre­mi­en abgestimmt.

Wei­te­re Stär­kung rech­ter Listen
Die anhal­ten­de ille­ga­le Bekämp­fung der IG Metall in der Tesla-„Gigafactory“ des Faschis­ten­freun­des Musk (vgl. Avan­ti², Nr. 140) und die des­halb erfolg­te Anfech­tung der dor­ti­gen BR-Wah­len durch die IGM ist nur die unüber­seh­ba­re Spit­ze einer gefähr­li­chen Entwicklung.

Die Bin­dungs­kraft und die Orga­ni­sa­ti­ons­macht von Gewerk­schaf­ten wie der IG Metall gera­ten in zuneh­mend raue­ren Zei­ten immer wei­ter unter Druck. Nicht nur wegen aggres­si­ver Kapi­ta­lis­ten, son­dern auch wegen einer feh­len­den Stra­te­gie kämp­fe­ri­scher betrieb­li­cher und gewerk­schaft­li­cher Gegenmacht.

Vor die­sem Hin­ter­grund öff­nen sich immer mehr Spiel­räu­me für unter­neh­mens­na­he, rech­te und faschis­ti­sche Kan­di­da­tu­ren. Es ist fatal, die­se Gefahr zu igno­rie­ren und sie à la Ben­ner kleinzureden.
Im VW-Werk im säch­si­schen Zwi­ckau kam es zwar zu kei­nem „rech­ten Umsturz“, doch ist es extrem fahr­läs­sig von der IGM-Vor­sit­zen­den von einer „sta­bi­len“ Beleg­schaft zu reden. Immer­hin gin­gen 4 von 35 Sit­zen an ein­deu­tig rechts­extre­me Kandidaten.

Auch an ande­ren Auto-Stand­or­ten konn­ten mehr oder weni­ger offen rech­te Lis­ten punk­ten. „Zen­trum - Die alter­na­ti­ve Gewerk­schaft“, ein der AfD nahe­ste­hen­der Ver­ein, errang erst­mals jeweils zwei BR-Sit­ze bei Audi in Ingol­stadt und bei VW in Braun­schweig. In drei Daim­ler-Wer­ken will die­se Trup­pe wei­te­re 16 Man­da­te errun­gen haben. Ins­be­son­de­re stei­ger­te „Zen­trum“ bei Mer­ce­des-Benz Unter­türk­heim – und das bei einer „Rekord­wahl­be­tei­li­gung“ von 68 % – sei­nen Stim­men­an­teil von bis­her 15,5 % (7 BR-Sit­ze) auf jetzt 21 % (9 von 43 Mandaten).

Zudem gewan­nen in ande­ren Betrie­ben „freie“ bzw. „alter­na­ti­ve“ Lis­ten an Boden, die sich oft unpo­li­tisch geben, aber teil­wei­se per­so­nel­le Über­schnei­dun­gen mit dem rech­ten Rand aufweisen.
Ange­sichts die­ser gefähr­li­chen Ent­wick­lung ist es immer­hin erfreu­lich, dass die Ers­te Vor­sit­zen­de der IG Metall sich intern auch Kri­tik an ihrer Schön­fär­be­rei anhö­ren musste.

Wei­te­rer Sub­stanz­ver­lust der IGM-Listen
Ein noch viel bedeu­ten­de­res Alarm­si­gnal sind die spür­ba­ren Ver­lus­te der IG Metall in ihren tra­di­tio­nel­len Bas­tio­nen. Im Volks­wa­gen-Kon­zern sank der Anteil der IGM-BR-Man­da­te von 93 % (2022) auf jetzt 85 %.
Im Stamm­werk VW Wolfs­burg ist der Rück­gang noch deut­li­cher: von 85,5 % und 66 BR-Sit­zen (2022) auf nur noch 74,8 % und 52 BR-Sit­ze (2026) für die Lis­te der GBR- und KBR-Vor­sit­zen­den Danie­la Cavallo. Sehr kri­tisch ist hier auch die his­to­risch nied­ri­ge Wahl­be­tei­li­gung von ledig­lich 58 %.

Bei Mer­ce­des-Benz ent­fie­len auf die IGM-Kan­di­da­tu­ren kon­zern­weit nur noch 72 % der gül­ti­gen Stim­men und bei BMW 73 %.

Die­se und ande­re Ergeb­nis­se deu­ten auf eine zuneh­men­de Ent­frem­dung vie­ler Kolleg:innen von ihren meist dem „Co-Manage­ment“ sich ver­pflich­tend füh­len­den bis­he­ri­gen betrieb­li­chen Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen hin. Zudem spie­len berech­tig­te Exis­tenz­ängs­te wegen der pro­fit­ori­en­tier­ten „Trans­for­ma­ti­on“ zum Elek­tro­an­trieb in der Auto- und der Auto­zu­lie­fer­indus­trie eine gro­ße Rolle.

* [Fort­set­zung folgt in Avan­ti², Nr. 142.]

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Mai 2026
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