Die Wie­der­kehr des Faschis­mus (Teil I)*

Ein deut­sches Rätsel

 

Hel­mut Dahmer

1. Par­la­men­ta­ri­sche und Wirtschaftsdemokratie
„Faschis­mus“ – als natio­na­lis­tisch-frem­den­feind­li­che, vor allem auch anti­se­mi­ti­sche Ideo­lo­gie und als poli­ti­sche Bewe­gung zum Kampf gegen anti­ka­pi­ta­lis­tisch-sozia­lis­ti­sche, also wirt­schafts­de­mo­kra­ti­sche Grup­pen und Mas­sen- bewe­gun­gen – gibt es seit mehr als 100 Jahren.

Sei­ne poli­ti­sche Funk­ti­on war und ist es, inter­na­tio­nal die kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft und ihre Macht-„Eliten“ (im Sin­ne von C. W. Mills) – soweit sie die „rich­ti­ge“ Abstam­mung haben – durch Aus­nut­zung (Unter­wan­de­rung) und schließ­li­che Besei­ti­gung par­la­men­ta­ri­scher Demo­kra­tien zu verteidigen.

Par­la­men­ta­ri­sche Regime sind Repu­bli­ken mit frei­en Wah­len, Gewal­ten­tei­lung, Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit, Pres­se­frei­heit, Par­tei­en-Kon­kur­renz und Men­schen­rechts­ga­ran­tien. Sie wur­den von Arbei­ter-Mas­sen­be­we­gun­gen bzw. durch Auf­stän­de ver­bün­de­ter unter­drück­ter Klas­sen erkämpft oder (wie im Fall der deut­schen Bun­des­re­pu­blik) infol­ge mili­tä­ri­scher Nie­der­la­gen von sieg­rei­chen Kon­kur­renz­mäch­ten oktroyiert.

Anstel­le sol­cher par­la­men­ta­ri­scher Repu­bli­ken pro­pa­gie­ren ver­schie­den­ar­ti­ge Faschis­men „auto­ri­tä­re“ Regime (mit Ein-Par­tei-Dik­ta­tur, Gleich­schal­tung von Gesetz­ge­bung, Regie­rung, Judi­ka­ti­ve und Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln), die zur oli­go­po­lis­ti­schen Struk­tur der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft nicht in Gegen­satz ste­hen, son­dern ihr ent­spre­chen. Die anti­kri­tisch-pro­ka­pi­ta­lis­ti­sche, kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Funk­ti­on der Faschis­men bleibt sich, wo immer sie an die Macht kom­men, gleich; ihr Erschei­nungs­bild vari­iert ent­spre­chend den jewei­li­gen poli­ti­schen Gegebenheiten.

So „leug­nen“ z. B. heu­ti­ge Faschis­ten oft den „Holo­caust“, träu­men aber von einem künf­ti­gen, ras­sisch homo­ge­ni­sier­ten Mär­chen­land, aus dem zuvor alle „Frem­den“ „abge­scho­ben“ wur­den (wobei auch „unschö­ne Sze­nen“ in Kauf genom­men wur­den). Wohin aber? Ja, das weiß kein Mensch zu sagen, wes­halb sich schon die Ahnen der heu­ti­gen deut­schen Jung­wäh­ler seit dem Pogrom von 1938 mit dem omi­nö­sen, aber auch viel­sa­gen­den Satz begnüg­ten: „‚Die‘ sind dann weg­ge­kom­men …“ Jeden­falls soll es künf­tig ohne Mas­sen­er­schie­ßun­gen und Gas­kam­mern abge­hen, und not­falls wird ja der Wern­her von Braun von heu­te, Elon Musk (der Grün­der von Tes­la und Space X), der sei­nen Freun­den – vor allem denen von der AfD – gele­gent­lich schon mal den Hit­ler­gruß prä­sen­tiert, recht­zei­tig Remi­gran­ten-Lager auf dem Mars errich­ten lassen

2. Ent­ste­hung und Unter­gang der Wei­ma­rer Republik
Der Ers­te Welt­krieg wur­de 1917/18 durch revol­tie­ren­de Sol­da­ten (Arbei­ter und Bau­ern) been­det. Das Ziel die­ser Revo­lu­tio­nä­re war nicht nur die Ablö­sung der Mon­ar­chien (und ihrer Heer­füh­rer) durch par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tien, son­dern eine Fun­die­rung der neu­en par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tien durch Demo­kra­ti­sie­rung der Wirt­schaft, näm­lich die Besei­ti­gung der pri­va­ten Guts­wirt­schaf­ten auf dem Lan­de und die Eta­blie­rung öffent­li­cher Kon­trol­le über Ban­ken, Bör­sen, Indus­trie-Unter­neh­mun­gen und Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel (Pres­se).

Gegen eine sol­che, radi­ka­le Demo­kra­ti­sie­rung der deut­schen Wirt­schaft und Gesell­schaft mobi­li­sier­te die neue, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung 1918/19 in Abspra­che mit der Füh­rung der geschla­ge­nen kai­ser­li­chen Armee gegen­re­vo­lu­tio­nä­re Trup­pen und pro­to-faschis­ti­sche „Freikorps“-Verbände zur blu­ti­gen Nie­der­schla­gung von Arbei­ter­re­vol­ten und Räte­or­ga­ni­sa­tio­nen im lang­wie­ri­gen Bür­ger­krieg der Jah­re 1918-23.

Die dadurch ent­stan­de­ne par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie auf kapi­ta­lis­ti­scher Basis mutier­te im Gefol­ge der Wirt­schafts­kri­se vom Herbst 1929 – nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in ande­ren euro­päi­schen Län­dern – zu Prä­si­di­al­dik­ta­tu­ren, deren Über­gang in faschis­ti­sche Dik­ta­tu­ren nur eine Fra­ge der Zeit und der Ent­wick­lung der gesell­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nis­se war.

Der deut­sche Faschis­mus der Jah­re 1933-1945, also der Gesta­po- und SS-Staat, war das mör­de­rischs­te aller bis­he­ri­gen faschis­ti­schen Regime, dicht gefolgt vom spa­ni­schen Faschis­mus Fran­cos und vom ita­lie­ni­schen Mus­so­li­nis.1

Und wäh­rend die Kin­des­kin­der ihrer Opfer mit den gegen größ­te Wider­stän­de nach Jahr­zehn­ten end­lich doch noch durch­ge­setz­ten Exhu­mie­run­gen nicht nach­kom­men, wer­den die unter­ge­gan­ge­nen mör­de­ri­schen Regime offen­bar für einen mit den aktu­el­len Ver­hält­nis­sen unzu­frie­de­nen Teil der gegen­wär­tig Leben­den, die von „Geschich­te“ nichts wis­sen wol­len – sagen wir: für 20 Pro­zent des Wahl­volks – neu­er­lich attrak­tiv. Sie sind offen­bar so fas­zi­nie­rend, dass die einen – wie die Drei­er-Ban­de vom (Zwi­ckau­er) „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grund“ – die alten, als „glor­reich“ ver­kann­ten Zei­ten zitie­ren und nach­spie­len2, die andern die AfD, in der sie – im Unter­schied zu den regie­ren­den Par­tei­en und dem „Ver­fas­sungs­schutz“ – eine Nach­fol­ge-Orga­ni­sa­ti­on der NSDAP wit­tern – finan­zie­ren oder wählen.

Dem deut­schen faschis­ti­schen Regime gelang es (ähn­lich wie dem mit ihm kon­kur­rie­ren­den sta­li­nis­ti­schen) die inne­re Oppo­si­ti­on samt poten­ti­ell „illoya­len“ Grup­pen der Bevöl­ke­rung (natio­na­len Min­der­hei­ten) ent­we­der durch erzwun­ge­ne Emi­gra­ti­on bzw. Mas­sen-Depor­ta­ti­on3 aus dem Staats­ge­biet zu ver­trei­ben oder sie mit Hil­fe von Mas­sen-Erschie­ßun­gen, Zwangs­ar­beits- und Ver­nich­tungs­la­gern zu besei­ti­gen. Isaac Deut­scher präg­te dafür (1963, Kap. 5, S. 388) den Ter­mi­nus „poli­ti­scher Geno­zid“. Hit­lers SS-Staat konn­te als „Zustimmungs“-Diktatur 1945 nicht – wie das Kai­ser­reich 1918 – von innen, son­dern nur von außen, näm­lich durch (zeit­wei­se alli­ier­te) west-öst­li­che Inter­ven­ti­ons-Trup­pen besei­tigt werden.

3. Eine Gesell­schaft von Abhän­gi­gen, mehr oder weni­ger Auto­ri­tä­ren und Demagogen
Der Über­gang der aus Kämp­fen zwi­schen Revo­lu­tio­nä­ren und Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren her­vor­ge­gan­ge­nen par­la­men­ta­ri­schen Repu­bli­ken in „auto­ri­tä­re“ oder faschis­ti­sche Regime hat­te eine tief­grei­fen­de Ver­än­de­rung der Sozi­al­struk­tur zur Vor­aus­set­zung, näm­lich die Ver­wand­lung einer im Wesent­li­chen aus klei­nen und mitt­le­ren Pri­vat­ei­gen­tü­mern, also aus „Selb­stän­di­gen“ in Stadt und Land bestehen­den Gesell­schaft in eine Gesell­schaft mit einer Mehr­heit von abhän­gig Beschäf­tig­ten und einer Min­der­heit von auto­no­men Selb­stän­di­gen. Die­se Trans­for­ma­ti­on ging im Rah­men der (kolo­nia­lis­ti­schen) Kapi­ta­li­sie­rung der Welt­wirt­schaft und der Inter­na­tio­na­li­sie­rung von Groß­kon­zer­nen und Finanz­in­sti­tu­ten von­stat­ten. Unter Kon­kur­renz­be­din­gun­gen konn­ten klei­ne und mitt­le­re Pri­vat­ei­gen­tü­mer mehr oder weni­ger auto­nom auf Märk­ten agie­ren. Ihre kon­kur­renz­be­dingt fort­schrei­ten­de Ent­eig­nung4 ent­zog aber nicht nur ihnen, son­dern über Zeit auch dem bür­ger­li­chen Auto­no­mie-Ide­al die Exis­tenz­grund­la­ge: Abhän­gig Beschäf­tig­te hat­ten kaum mehr prak­ti­sche Mög­lich­kei­ten zu „auto­no­mem“ Handeln.

Die neu ent­stan­de­ne Klas­sen-Tei­lung von Mil­lio­nen Abhän­gi­gen auf der einen und eini­gen Tau­send Indus­trie-, Ban­ken- und Medi­en-Olig­ar­chen5 zog – eben­so wie die Nie­der­schla­gung von Auf­stän­den und Revo­lu­tio­nen der sozia­lis­ti­schen Wirt­schafts-Demo­kra­ten – eine Schwä­chung der Wider­stands­kraft oder „Spon­ta­nei­tät“ der Bevöl­ke­rungs-Mehr­heit nach sich. Bin­nen eini­ger Gene­ra­tio­nen bil­de­ten sich „auto­ri­tä­re“ Cha­rak­ter­struk­tu­ren bei Men­schen her­aus, die von „Furcht vor der [mög­li­chen] Frei­heit“ (E. Fromm, 1941) beherrscht sind und deren Res­sen­ti­ment sich gegen Indi­vi­du­en und Grup­pen mit „ande­rer“ Lebens­art (Kul­tur, Reli­gi­on) und rea­len oder ver­meint­li­chen Pri­vi­le­gi­en rich­tet.6 Je mehr Wirt­schafts­macht in den Hän­den weni­ger Olig­ar­chen und Tycoons lag, des­to hin­der­li­cher wur­den par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­len für deren Poli­tik, des­to stär­ker wur­den ihr Inter­es­se und ihre Fähig­keit, das poli­ti­sche Leben des Lan­des nach dem Mus­ter hier­ar­chi­scher Orga­ni­sa­tio­nen gro­ßer Kon­zer­ne umzugestalten.

Stellt sich „die Gesell­schaft“, wie man­che Sozio­lo­gen leh­ren, stets nur Auf­ga­ben, die sie auch lösen kann, so ist retro­spek­tiv zu kon­sta­tie­ren, dass es im 20. Jahr­hun­dert zwar nicht zu der im 19. pro­gnos­ti­zier­ten revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tung der kata­stro­phen­träch­ti­gen kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­ge­sell­schaft durch die inter­na­tio­na­le Arbei­ter­klas­se kam, wohl aber zur Aus­lö­schung kurz­fris­tig exis­tie­ren­der Räte­re­gime in Städ­ten und Län­dern und zur Ablö­sung par­la­men­ta­ri­scher Repu­bli­ken auf kapi­ta­lis­ti­scher Basis durch „auto­ri­tä­re“ bezie­hungs­wei­se „tota­li­tä­re“ Staa­ten. Tra­fen gewitz­te „faschis­ti­sche“ Dem­ago­gen – genia­le „Rich­tungs­än­de­rer des Res­sen­ti­ments“7 – in „Kri­sen­zei­ten“ auf des­au­to­no­mi­sier­te, ver­ängs­tig­te und ori­en­tie­rungs­lo­se Indi­vi­du­en – bereit, jeder­zeit in „Mas­sen“ von ihres­glei­chen auf­zu­ge­hen, um end­lich ein­mal das eh und je von ihnen erfah­re­ne Unrecht zu rächen, dann war das Schick­sal alt­be­währ­ter wie das von jüngst eta­blier­ten Repu­bli­ken besiegelt.

4. Depor­ta­tio­nen – das tota­li­tä­re Projekt
Das Kenn- oder Kains-Zei­chen der seit den 1930er Jah­ren so genann­ten tota­li­tä­ren Pro­gram­me und Regime ist das einer plan­mä­ßi­gen Eli­mi­nie­rung bestimm­ter Grup­pen der Bevöl­ke­rung, die als Reser­voir poli­ti­scher Oppo­si­ti­on gel­ten oder die die Mehr­heit und ihre Dem­ago­gen für „nicht assi­mi­lier­bar“ hal­ten. Beim Hitler’schen wie beim Stalin’schen Jahr­hun­dert-Pro­jekt han­del­te es sich um exqui­sit natio­na­le und dar­um uto­pi­sche Vorhaben.

Der Auf­bau eines nach­ka­pi­ta­lis­ti­schen „Sozia­lis­mus“ in einem Lan­de (oder, seit 1945, in einem Block) – also einer Über­fluss-Wirt­schaft ohne Klas­sen und Repres­si­ons­staat, und das aus­ge­rech­net in der unter­ent­wi­ckel­ten und iso­lier­ten Sowjet­uni­on – war zum Schei­tern ver­ur­teilt. Nach dem Bür­ger­krieg gab es kei­ne „Sowjets“ (Arbei­ter­rä­te) mehr, und im Zuge des ers­ten Fünf­jah­res­plans, der mit dem Krieg gegen die Bau­ern­schaft und dem „Holo­do­mor“ ein­her­ging – mit den ers­ten Schau­pro­zes­sen und der „Dis­zi­pli­nie­rung“ der neu­en Arbei­ter­schaft, mit der Gän­ge­lung der natio­na­len Min­der­hei­ten und der Kri­mi­na­li­sie­rung der inner­par­tei­li­chen Oppo­si­ti­on –, wur­den auch die ver­blie­be­nen inner­ge­sell­schaft­li­chen Alter­na­ti­ven liqui­diert, außer der einen, das Unmög­li­che durch jah­re- lan­gen Mas­sen­ter­ror und Ver­tei­di­gungs- und Erobe­rungs­krie­ge zu erzwin­gen, die vie­le Mil­lio­nen Men­schen­le­ben kosteten.

In ähn­li­cher Wei­se schei­ter­te auch das Hitler’sche natio­na­le Pro­jekt, die deutsch­stäm­mi­ge, als angeb­lich „ari­sche“ Her­ren­ras­se nobi­li­tier­te Bevöl­ke­rung durch die Ver­nich­tung „unwer­ten“ Lebens im Innern und die Aus­rot­tung der (Mil­lio­nen Men­schen umfas­sen­den) jüdi­schen Min­der­hei­ten im besetz­ten Euro­pa für die krie­ge­ri­sche Beherr­schung des Kon­ti­nents zwi­schen Atlan­tik und Ural zu qualifizieren.

5. Der Wahn, der „Zusam­men­bruch“ und die Verleugnung
In bei­den Fäl­len gelang es der poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Füh­rungs­grup­pe mit Hil­fe von Ter­ror und Pro­pa­gan­da bin­nen weni­ger Jah­re, die „Mas­se“ der Bevöl­ke­rung von dem Wahn zu über­zeu­gen, dass „para­die­si­sche“ Lebens­ver­hält­nis­se bin­nen ein oder zwei Gene­ra­tio­nen erreich­bar sei­en, wenn man nur ent­schlos­sen genug ein Zehn­tel oder gar ein Fünf­tel der ver­häng­nis­voll gemisch­ten Bevöl­ke­rung eli­mi­nie­re, das heißt: Sämt­li­che Geg­ner des Gene­ral­plans – Oppo­si­tio­nel­le und Sabo­teu­re, Klas­sen- und „Volks-Fein­de“, bio­lo­gisch Untaug­li­che und „Ver­rä­ter“ – inter­nie­re, depor­tie­re oder … „liqui­die­re“.

Den Vor­ge­schmack einer sol­chen Zukunft haben Mil­lio­nen NSDAP-Par­tei­ge­nos­sen und Sym­pa­thi­san­ten, die den „Arier“-Wahn einer deut­schen Vor­herr­schaft über Euro­pa teil­ten, in den letz­ten Vor­kriegs- und den ers­ten Kriegs­jah­ren aus­ge­kos­tet. Sie erleb­ten den Rausch per­ma­nen­ter Mobi­li­sie­rung der „Volks­ge­mein­schaft“ und „ihrer“ außen­po­li­ti­schen Sie­ge, sie lausch­ten den tri­um­pha­lis­ti­schen Stim­men der „Füh­rer“ in den „Volks­emp­fän­gern“, sahen in „Wochen­schau­en“ enthu­si­as­ti­sche Front­be­rich­te, san­gen uni­for­miert in unzäh­li­gen Auf­mär­schen unter Fah­nen­wäl­dern die Hym­nen und Kampf­ge­sän­ge der „natio­na­len Erhe­bung“ mit, fei­er­ten die Ber­li­ner Olym­pia­de, stan­den auf Schul­hö­fen stramm wie in Kaser­nen, nah­men an zahl­lo­sen Kund­ge­bun­gen teil und fei­er­ten die Ari­er-Gemein­schaft beim Ein­topf-Essen aus der Gulasch­ka­no­ne … Und sie teil­ten den Glau­ben an „Wun­der­waf­fen“ und an den „End­sieg“, unbe­irrt durch das Näher­rü­cken der Kriegs­fron­ten in Ost und West, Süd und Nord, und unbe­irrt von den Alarm­si­re­nen, die in Stadt und Land immer häu­fi­ger vor den alli­ier­ten Bom­ber­ge­schwa­dern warn­ten, die gan­ze Stadt­vier­tel in Schutt und Asche leg­ten, und vor den Tief­flie­gern, die Eisen­bahn­zü­ge und Zivi­lis­ten atta­ckier­ten, unbe­irrt schließ­lich auch durch den wach­sen­den Strom der „Aus­ge­bomb­ten“ und Ostflüchtlinge …

Dann aber begann das Jahr 1945, und der kol­lek­ti­ve Wahn, der sie zwölf Jah­re in Bann gehal­ten hat­te, ver­flüch­tig­te sich all­mäh­lich. Im kal­ten Früh­jahr die­ses letz­ten Kriegs­jahrs wur­den in Her­den und Öfen Mil­lio­nen Exem­pla­re von Büchern der Hit­ler, Goeb­bels und Rosen­berg, die auf kei­nem Buch­re­gal feh­len durf­ten, wie Bri­ketts ver­heizt, ehe die Rei­he auch an die Hit­ler­fo­tos kam.

In aller Heim­lich­keit ver­schwan­den die orts­be­kann­ten „füh­ren­den“ Char­gen von Par­tei, SA, SS und Gesta­po (die „Rat­ten­li­nie“ – erst nach Nord­deutsch­land, dann nach Süd­ame­ri­ka – war für sie schon prä­pa­riert). Und dann kam – in den April- und Mai­ta­gen –, was kei­ner hat­te wahr­ha­ben dür­fen und wol­len: das jähe Ende von Par­tei und „Volks­ge­mein­schaft“.

In den spä­te­ren „West­zo­nen“ wur­de mit dem ers­ten Pan­zer, dem ers­ten Jeep, der in der Stra­ße auf­tauch­te, alles anders. Eine gan­ze Nati­on zog ihre Uni­for­men aus, von einem auf den ande­ren Tag hob kei­ne Hand sich mehr zum Hit­ler­gruß. Die ver­trau­ten Hym­nen und Mär­sche ver­stumm­ten wie die Alarm­si­re­nen. Der „Volks­sturm“ spreng­te mit den Brü­cken über die kleins­ten Flüs­se auch die Brü­cken zwi­schen Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit in die Luft. Und die von Angst geschüt­tel­ten, furcht­ba­re Ver­gel­tung fürch­ten­den Par­tei- und Volks­ge­nos­sen stürz­ten sich Hals über Kopf ins Beschwei­gen, in den mit aller Gewalt unter­nom­me­nen Ver­such, 12 Jah­re ihrer Lebens- und Sozi­al­ge­schich­te aus­zu­lö­schen, sie zu ver­leug­nen, die „glor­rei­chen“ Jah­re der natio­na­len Erhe­bung, des Mas­sen­mords und des Auf­bruchs zur Welt­erobe­rung unge­sche­hen zu machen.8 Das geschah „instink­tiv“, sprach- und bewusst­los – als angst­vol­le Reak­ti­on auf das Trau­ma des (nicht nur) mili­tä­ri­schen Zusam­men­bruchs. Die­se Reak­ti­ons­bil­dung wur­de als­bald habi­tua­li­siert, und das heißt: Auch die fol­gen­den Gene­ra­tio­nen wuch­sen in Fami­li­en auf, in denen das Beschwei­gen – nicht nur poli­ti­scher Fami­li­en-Geheim­nis­se – zum Lebens­stil gehör­te. An die­ser Ver­leug­nungs-Tra­di­ti­on sind in den Nach­kriegs­jahr­zehn­ten alle Ver­su­che einer „Ree­du­ca­ti­on“ oder Vergangenheits-„Bewältigung“ geschei­tert, auch die­je­ni­ge der Pro­test-Stu­den­ten von 1968. Heu­te gehört die Ver­leug­nung des mör­de­ri­schen Cha­rak­ters des NS-Regimes welt­weit zur Pro­gram­ma­tik aller faschis­to­iden Grup­pen und Par­tei­en.9 Und was beschwie­gen wird, kann – wie das Bei­spiel des Zwi­ckau­er „NSU“ lehrt – weder erkannt, noch bekämpft werden.


Fuß­no­ten

* [Teil II wird in der Theo­rie­bei­la­ge zu Avan­ti² Nr. 148 veröffentlicht.]
1. Außer­halb Euro­pas sind die mör­de­ri­schen latein­ame­ri­ka­ni­schen Regime des chi­le­ni­schen Gene­rals Pino­chet (1973-1990) und der argen­ti­ni­schen Jun­ta unter Gene­ral Vide­la (1976-1983) am ehes­ten den euro­päi­schen „Ori­gi­na­len“ ver­gleich­bar. – Das aus der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on her­vor­ge­gan­ge­ne, kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re sta­li­nis­ti­sche Herr­schafts­sys­tem (der Jah­re 1929-1953) hat­te – im Unter­schied zu den Faschis­men – die Funk­ti­on, die revo­lu­tio­när ver­staat­lich­ten Pro­duk­ti­ons­mit­tel und ihre des­po­ti­schen Kom­man­deu­re und Nutz­nie­ßer, die büro­kra­ti­sche Funk­tio­närs­kas­te (oder „Nomen­kla­tu­ra“), innen- wie außen­po­li­tisch zu ver­tei­di­gen. Der GPU- (und GULag-)Staat, an dem sich eben­falls inter­na­tio­nal struk­tu­rell ver­wand­te Regime ori­en­tier­ten, über­leb­te bis 1991, und die­ser ter­ro­ris­ti­sche „Über­bau“ der büro­kra­ti­schen Kom­man­do- und Man­gel­wirt­schaft glich sei­nem Kon­kur­ren­ten, dem Hit­ler­staat – den er nach dem Bünd­nis­ver­such der Jah­re 1939-41 in einem Krieg, der ihn 27 Mil­lio­nen Men­schen­le­ben kos­te­te, mili­tä­risch besieg­te – in sol­chem Maße, dass ein zeit­ge­nös­si­scher Beob­ach­ter, der bei­de Regime fort­lau­fend ana­ly­sier­te, sie (1939) einem „Zwil­lings­ge­stirn“ ver­glich. (Trotz­ki, „Das Zwil­lings­ge­stirn Hit­ler-Sta­lin“ [4.12.1939], in: Trotz­ki [1988], Text 63.)
2. Vgl. dazu Dah­mer (2020), Anti­se­mi­tis­mus, Xeno­pho­bie und pathi­sches Ver­ges­sen, Müns­ter (West­fä­li­sches Dampfboot). 
3. Zu den berüch­tig­ten „Natio­na­len Ope­ra­tio­nen“ der GPU gegen miss­lie­bi­ge natio­na­le Min­der­hei­ten im Russ­land des „Gro­ßen Ter­rors“ (1937/38) s. Dah­mer (2022), S. 218 (Anm. 87).
4. „Je ein Kapi­ta­list schlägt vie­le tot.“ Marx (1867), Kap. 24 („Die soge­nann­te ursprüng­li­che Akku­mu­la­ti­on“), S. 790. 
5. S. dazu R. Hil­fer­ding (1910), Das Finanz­ka­pi­tal, Eine Stu­die über die jüngs­te Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus, Ber­lin (Dietz) 1947; Kap. XXIII („Das Finanz­ka­pi­tal und die Klassen“).
6. Vgl. dazu Dah­mer (2017), „Auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter und auto­ri­tä­rer Staat“, in: Dah­mer (2019), S. 200-214.
7. Nietz­sche nann­te sol­che Dem­ago­gen „Pries­ter“: „Der aske­ti­sche Pries­ter muss uns als der vor­her­be­stimm­te Hei­land, Hirt und Anwalt der kran­ken Her­de gel­ten: damit erst ver­ste­hen wir sei­ne unge­heu­re his­to­ri­sche Mis­si­on. Die Herr­schaft über Lei­den­de ist sein Reich […], er muss den Kran­ken und Schlecht­weg­ge­kom­me­nen von Grund aus ver­wandt sein, um sie zu ver­ste­hen, – um sich mit ihnen zu ver­ste­hen […]. Der Pries­ter ist der Rich­tungs-Ver­än­de­rer des Res­sen­ti­ment. Jeder Lei­den­de näm­lich sucht instink­tiv zu sei­nem Leid eine Ursa­che; genau­er noch, einen Thä­ter, noch bestimm­ter, einen für Leid emp­fäng­li­chen schul­di­gen Thä­ter […]“ Zur Genea­lo­gie der Moral (1887), Sämt­li­che Wer­ke, Kri­ti­sche Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5; III. Abhand­lung, Abschn. 15, S. 372 ff. Max Hork­hei­mer hat den Typus des von Nietz­sche ana­ly­sier­ten bür­ger­li­chen Dem­ago­gen und Volks­tri­bu­nen – in sei­ner (1936 ver­öf­fent­lich­ten) Stu­die „Ego­is­mus und Frei­heits­be­we­gung“ – anhand von his­to­ri­schen Bei­spie­len (von Cola di Rien­zo bis Robes­pierre) näher bestimmt. Vgl. dazu Dah­mer (2019), S. 94-102.
8. Zu den Abwehr­me­cha­nis­men der Ver­leug­nung und des Unge­sche­hen-Machens s. Feni­chel (1945), Bd. I, Kap. IX.
9. Die in Reak­ti­on auf das kata­stro­pha­le Ende des „Drit­ten Reichs“ 1945 ent­stan­de­ne „Tra­di­ti­on“, auf über­wäl­ti­gen­de Gefah­ren mit Ver­leug­nung zu reagie­ren, war nicht nur in den „Querdenker“-Demonstrationen der Jah­re 2020/21 in Deutsch­land und Öster­reich vor­herr­schend, son­dern beherrscht hier­zu­lan­de auch die Leug­ner des Klimawandels.


Aus Theo­rie­bei­la­ge Avan­ti² Rhein-Neckar Novem­ber 2026
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