Ein deutsches Rätsel
Helmut Dahmer
1. Parlamentarische und Wirtschaftsdemokratie
„Faschismus“ – als nationalistisch-fremdenfeindliche, vor allem auch antisemitische Ideologie und als politische Bewegung zum Kampf gegen antikapitalistisch-sozialistische, also wirtschaftsdemokratische Gruppen und Massen- bewegungen – gibt es seit mehr als 100 Jahren.
Seine politische Funktion war und ist es, international die kapitalistische Wirtschaft und ihre Macht-„Eliten“ (im Sinne von C. W. Mills) – soweit sie die „richtige“ Abstammung haben – durch Ausnutzung (Unterwanderung) und schließliche Beseitigung parlamentarischer Demokratien zu verteidigen.
Parlamentarische Regime sind Republiken mit freien Wahlen, Gewaltenteilung, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Parteien-Konkurrenz und Menschenrechtsgarantien. Sie wurden von Arbeiter-Massenbewegungen bzw. durch Aufstände verbündeter unterdrückter Klassen erkämpft oder (wie im Fall der deutschen Bundesrepublik) infolge militärischer Niederlagen von siegreichen Konkurrenzmächten oktroyiert.
Anstelle solcher parlamentarischer Republiken propagieren verschiedenartige Faschismen „autoritäre“ Regime (mit Ein-Partei-Diktatur, Gleichschaltung von Gesetzgebung, Regierung, Judikative und Massenkommunikationsmitteln), die zur oligopolistischen Struktur der kapitalistischen Wirtschaft nicht in Gegensatz stehen, sondern ihr entsprechen. Die antikritisch-prokapitalistische, konterrevolutionäre Funktion der Faschismen bleibt sich, wo immer sie an die Macht kommen, gleich; ihr Erscheinungsbild variiert entsprechend den jeweiligen politischen Gegebenheiten.
So „leugnen“ z. B. heutige Faschisten oft den „Holocaust“, träumen aber von einem künftigen, rassisch homogenisierten Märchenland, aus dem zuvor alle „Fremden“ „abgeschoben“ wurden (wobei auch „unschöne Szenen“ in Kauf genommen wurden). Wohin aber? Ja, das weiß kein Mensch zu sagen, weshalb sich schon die Ahnen der heutigen deutschen Jungwähler seit dem Pogrom von 1938 mit dem ominösen, aber auch vielsagenden Satz begnügten: „‚Die‘ sind dann weggekommen …“ Jedenfalls soll es künftig ohne Massenerschießungen und Gaskammern abgehen, und notfalls wird ja der Wernher von Braun von heute, Elon Musk (der Gründer von Tesla und Space X), der seinen Freunden – vor allem denen von der AfD – gelegentlich schon mal den Hitlergruß präsentiert, rechtzeitig Remigranten-Lager auf dem Mars errichten lassen
2. Entstehung und Untergang der Weimarer Republik
Der Erste Weltkrieg wurde 1917/18 durch revoltierende Soldaten (Arbeiter und Bauern) beendet. Das Ziel dieser Revolutionäre war nicht nur die Ablösung der Monarchien (und ihrer Heerführer) durch parlamentarische Demokratien, sondern eine Fundierung der neuen parlamentarischen Demokratien durch Demokratisierung der Wirtschaft, nämlich die Beseitigung der privaten Gutswirtschaften auf dem Lande und die Etablierung öffentlicher Kontrolle über Banken, Börsen, Industrie-Unternehmungen und Massenkommunikationsmittel (Presse).
Gegen eine solche, radikale Demokratisierung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft mobilisierte die neue, sozialdemokratische Regierung 1918/19 in Absprache mit der Führung der geschlagenen kaiserlichen Armee gegenrevolutionäre Truppen und proto-faschistische „Freikorps“-Verbände zur blutigen Niederschlagung von Arbeiterrevolten und Räteorganisationen im langwierigen Bürgerkrieg der Jahre 1918-23.
Die dadurch entstandene parlamentarische Demokratie auf kapitalistischer Basis mutierte im Gefolge der Wirtschaftskrise vom Herbst 1929 – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern – zu Präsidialdiktaturen, deren Übergang in faschistische Diktaturen nur eine Frage der Zeit und der Entwicklung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse war.
Der deutsche Faschismus der Jahre 1933-1945, also der Gestapo- und SS-Staat, war das mörderischste aller bisherigen faschistischen Regime, dicht gefolgt vom spanischen Faschismus Francos und vom italienischen Mussolinis.1
Und während die Kindeskinder ihrer Opfer mit den gegen größte Widerstände nach Jahrzehnten endlich doch noch durchgesetzten Exhumierungen nicht nachkommen, werden die untergegangenen mörderischen Regime offenbar für einen mit den aktuellen Verhältnissen unzufriedenen Teil der gegenwärtig Lebenden, die von „Geschichte“ nichts wissen wollen – sagen wir: für 20 Prozent des Wahlvolks – neuerlich attraktiv. Sie sind offenbar so faszinierend, dass die einen – wie die Dreier-Bande vom (Zwickauer) „Nationalsozialistischen Untergrund“ – die alten, als „glorreich“ verkannten Zeiten zitieren und nachspielen2, die andern die AfD, in der sie – im Unterschied zu den regierenden Parteien und dem „Verfassungsschutz“ – eine Nachfolge-Organisation der NSDAP wittern – finanzieren oder wählen.
Dem deutschen faschistischen Regime gelang es (ähnlich wie dem mit ihm konkurrierenden stalinistischen) die innere Opposition samt potentiell „illoyalen“ Gruppen der Bevölkerung (nationalen Minderheiten) entweder durch erzwungene Emigration bzw. Massen-Deportation3 aus dem Staatsgebiet zu vertreiben oder sie mit Hilfe von Massen-Erschießungen, Zwangsarbeits- und Vernichtungslagern zu beseitigen. Isaac Deutscher prägte dafür (1963, Kap. 5, S. 388) den Terminus „politischer Genozid“. Hitlers SS-Staat konnte als „Zustimmungs“-Diktatur 1945 nicht – wie das Kaiserreich 1918 – von innen, sondern nur von außen, nämlich durch (zeitweise alliierte) west-östliche Interventions-Truppen beseitigt werden.
3. Eine Gesellschaft von Abhängigen, mehr oder weniger Autoritären und Demagogen
Der Übergang der aus Kämpfen zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären hervorgegangenen parlamentarischen Republiken in „autoritäre“ oder faschistische Regime hatte eine tiefgreifende Veränderung der Sozialstruktur zur Voraussetzung, nämlich die Verwandlung einer im Wesentlichen aus kleinen und mittleren Privateigentümern, also aus „Selbständigen“ in Stadt und Land bestehenden Gesellschaft in eine Gesellschaft mit einer Mehrheit von abhängig Beschäftigten und einer Minderheit von autonomen Selbständigen. Diese Transformation ging im Rahmen der (kolonialistischen) Kapitalisierung der Weltwirtschaft und der Internationalisierung von Großkonzernen und Finanzinstituten vonstatten. Unter Konkurrenzbedingungen konnten kleine und mittlere Privateigentümer mehr oder weniger autonom auf Märkten agieren. Ihre konkurrenzbedingt fortschreitende Enteignung4 entzog aber nicht nur ihnen, sondern über Zeit auch dem bürgerlichen Autonomie-Ideal die Existenzgrundlage: Abhängig Beschäftigte hatten kaum mehr praktische Möglichkeiten zu „autonomem“ Handeln.
Die neu entstandene Klassen-Teilung von Millionen Abhängigen auf der einen und einigen Tausend Industrie-, Banken- und Medien-Oligarchen5 zog – ebenso wie die Niederschlagung von Aufständen und Revolutionen der sozialistischen Wirtschafts-Demokraten – eine Schwächung der Widerstandskraft oder „Spontaneität“ der Bevölkerungs-Mehrheit nach sich. Binnen einiger Generationen bildeten sich „autoritäre“ Charakterstrukturen bei Menschen heraus, die von „Furcht vor der [möglichen] Freiheit“ (E. Fromm, 1941) beherrscht sind und deren Ressentiment sich gegen Individuen und Gruppen mit „anderer“ Lebensart (Kultur, Religion) und realen oder vermeintlichen Privilegien richtet.6 Je mehr Wirtschaftsmacht in den Händen weniger Oligarchen und Tycoons lag, desto hinderlicher wurden parlamentarische Kontrollen für deren Politik, desto stärker wurden ihr Interesse und ihre Fähigkeit, das politische Leben des Landes nach dem Muster hierarchischer Organisationen großer Konzerne umzugestalten.
Stellt sich „die Gesellschaft“, wie manche Soziologen lehren, stets nur Aufgaben, die sie auch lösen kann, so ist retrospektiv zu konstatieren, dass es im 20. Jahrhundert zwar nicht zu der im 19. prognostizierten revolutionären Umgestaltung der katastrophenträchtigen kapitalistischen Wirtschaftsgesellschaft durch die internationale Arbeiterklasse kam, wohl aber zur Auslöschung kurzfristig existierender Räteregime in Städten und Ländern und zur Ablösung parlamentarischer Republiken auf kapitalistischer Basis durch „autoritäre“ beziehungsweise „totalitäre“ Staaten. Trafen gewitzte „faschistische“ Demagogen – geniale „Richtungsänderer des Ressentiments“7 – in „Krisenzeiten“ auf desautonomisierte, verängstigte und orientierungslose Individuen – bereit, jederzeit in „Massen“ von ihresgleichen aufzugehen, um endlich einmal das eh und je von ihnen erfahrene Unrecht zu rächen, dann war das Schicksal altbewährter wie das von jüngst etablierten Republiken besiegelt.
4. Deportationen – das totalitäre Projekt
Das Kenn- oder Kains-Zeichen der seit den 1930er Jahren so genannten totalitären Programme und Regime ist das einer planmäßigen Eliminierung bestimmter Gruppen der Bevölkerung, die als Reservoir politischer Opposition gelten oder die die Mehrheit und ihre Demagogen für „nicht assimilierbar“ halten. Beim Hitler’schen wie beim Stalin’schen Jahrhundert-Projekt handelte es sich um exquisit nationale und darum utopische Vorhaben.
Der Aufbau eines nachkapitalistischen „Sozialismus“ in einem Lande (oder, seit 1945, in einem Block) – also einer Überfluss-Wirtschaft ohne Klassen und Repressionsstaat, und das ausgerechnet in der unterentwickelten und isolierten Sowjetunion – war zum Scheitern verurteilt. Nach dem Bürgerkrieg gab es keine „Sowjets“ (Arbeiterräte) mehr, und im Zuge des ersten Fünfjahresplans, der mit dem Krieg gegen die Bauernschaft und dem „Holodomor“ einherging – mit den ersten Schauprozessen und der „Disziplinierung“ der neuen Arbeiterschaft, mit der Gängelung der nationalen Minderheiten und der Kriminalisierung der innerparteilichen Opposition –, wurden auch die verbliebenen innergesellschaftlichen Alternativen liquidiert, außer der einen, das Unmögliche durch jahre- langen Massenterror und Verteidigungs- und Eroberungskriege zu erzwingen, die viele Millionen Menschenleben kosteten.
In ähnlicher Weise scheiterte auch das Hitler’sche nationale Projekt, die deutschstämmige, als angeblich „arische“ Herrenrasse nobilitierte Bevölkerung durch die Vernichtung „unwerten“ Lebens im Innern und die Ausrottung der (Millionen Menschen umfassenden) jüdischen Minderheiten im besetzten Europa für die kriegerische Beherrschung des Kontinents zwischen Atlantik und Ural zu qualifizieren.
5. Der Wahn, der „Zusammenbruch“ und die Verleugnung
In beiden Fällen gelang es der politisch-ideologischen Führungsgruppe mit Hilfe von Terror und Propaganda binnen weniger Jahre, die „Masse“ der Bevölkerung von dem Wahn zu überzeugen, dass „paradiesische“ Lebensverhältnisse binnen ein oder zwei Generationen erreichbar seien, wenn man nur entschlossen genug ein Zehntel oder gar ein Fünftel der verhängnisvoll gemischten Bevölkerung eliminiere, das heißt: Sämtliche Gegner des Generalplans – Oppositionelle und Saboteure, Klassen- und „Volks-Feinde“, biologisch Untaugliche und „Verräter“ – interniere, deportiere oder … „liquidiere“.
Den Vorgeschmack einer solchen Zukunft haben Millionen NSDAP-Parteigenossen und Sympathisanten, die den „Arier“-Wahn einer deutschen Vorherrschaft über Europa teilten, in den letzten Vorkriegs- und den ersten Kriegsjahren ausgekostet. Sie erlebten den Rausch permanenter Mobilisierung der „Volksgemeinschaft“ und „ihrer“ außenpolitischen Siege, sie lauschten den triumphalistischen Stimmen der „Führer“ in den „Volksempfängern“, sahen in „Wochenschauen“ enthusiastische Frontberichte, sangen uniformiert in unzähligen Aufmärschen unter Fahnenwäldern die Hymnen und Kampfgesänge der „nationalen Erhebung“ mit, feierten die Berliner Olympiade, standen auf Schulhöfen stramm wie in Kasernen, nahmen an zahllosen Kundgebungen teil und feierten die Arier-Gemeinschaft beim Eintopf-Essen aus der Gulaschkanone … Und sie teilten den Glauben an „Wunderwaffen“ und an den „Endsieg“, unbeirrt durch das Näherrücken der Kriegsfronten in Ost und West, Süd und Nord, und unbeirrt von den Alarmsirenen, die in Stadt und Land immer häufiger vor den alliierten Bombergeschwadern warnten, die ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legten, und vor den Tieffliegern, die Eisenbahnzüge und Zivilisten attackierten, unbeirrt schließlich auch durch den wachsenden Strom der „Ausgebombten“ und Ostflüchtlinge …
Dann aber begann das Jahr 1945, und der kollektive Wahn, der sie zwölf Jahre in Bann gehalten hatte, verflüchtigte sich allmählich. Im kalten Frühjahr dieses letzten Kriegsjahrs wurden in Herden und Öfen Millionen Exemplare von Büchern der Hitler, Goebbels und Rosenberg, die auf keinem Buchregal fehlen durften, wie Briketts verheizt, ehe die Reihe auch an die Hitlerfotos kam.
In aller Heimlichkeit verschwanden die ortsbekannten „führenden“ Chargen von Partei, SA, SS und Gestapo (die „Rattenlinie“ – erst nach Norddeutschland, dann nach Südamerika – war für sie schon präpariert). Und dann kam – in den April- und Maitagen –, was keiner hatte wahrhaben dürfen und wollen: das jähe Ende von Partei und „Volksgemeinschaft“.
In den späteren „Westzonen“ wurde mit dem ersten Panzer, dem ersten Jeep, der in der Straße auftauchte, alles anders. Eine ganze Nation zog ihre Uniformen aus, von einem auf den anderen Tag hob keine Hand sich mehr zum Hitlergruß. Die vertrauten Hymnen und Märsche verstummten wie die Alarmsirenen. Der „Volkssturm“ sprengte mit den Brücken über die kleinsten Flüsse auch die Brücken zwischen Gegenwart und Vergangenheit in die Luft. Und die von Angst geschüttelten, furchtbare Vergeltung fürchtenden Partei- und Volksgenossen stürzten sich Hals über Kopf ins Beschweigen, in den mit aller Gewalt unternommenen Versuch, 12 Jahre ihrer Lebens- und Sozialgeschichte auszulöschen, sie zu verleugnen, die „glorreichen“ Jahre der nationalen Erhebung, des Massenmords und des Aufbruchs zur Welteroberung ungeschehen zu machen.8 Das geschah „instinktiv“, sprach- und bewusstlos – als angstvolle Reaktion auf das Trauma des (nicht nur) militärischen Zusammenbruchs. Diese Reaktionsbildung wurde alsbald habitualisiert, und das heißt: Auch die folgenden Generationen wuchsen in Familien auf, in denen das Beschweigen – nicht nur politischer Familien-Geheimnisse – zum Lebensstil gehörte. An dieser Verleugnungs-Tradition sind in den Nachkriegsjahrzehnten alle Versuche einer „Reeducation“ oder Vergangenheits-„Bewältigung“ gescheitert, auch diejenige der Protest-Studenten von 1968. Heute gehört die Verleugnung des mörderischen Charakters des NS-Regimes weltweit zur Programmatik aller faschistoiden Gruppen und Parteien.9 Und was beschwiegen wird, kann – wie das Beispiel des Zwickauer „NSU“ lehrt – weder erkannt, noch bekämpft werden.
Fußnoten
* [Teil II wird in der Theoriebeilage zu Avanti² Nr. 148 veröffentlicht.]
1. Außerhalb Europas sind die mörderischen lateinamerikanischen Regime des chilenischen Generals Pinochet (1973-1990) und der argentinischen Junta unter General Videla (1976-1983) am ehesten den europäischen „Originalen“ vergleichbar. – Das aus der russischen Oktoberrevolution hervorgegangene, konterrevolutionäre stalinistische Herrschaftssystem (der Jahre 1929-1953) hatte – im Unterschied zu den Faschismen – die Funktion, die revolutionär verstaatlichten Produktionsmittel und ihre despotischen Kommandeure und Nutznießer, die bürokratische Funktionärskaste (oder „Nomenklatura“), innen- wie außenpolitisch zu verteidigen. Der GPU- (und GULag-)Staat, an dem sich ebenfalls international strukturell verwandte Regime orientierten, überlebte bis 1991, und dieser terroristische „Überbau“ der bürokratischen Kommando- und Mangelwirtschaft glich seinem Konkurrenten, dem Hitlerstaat – den er nach dem Bündnisversuch der Jahre 1939-41 in einem Krieg, der ihn 27 Millionen Menschenleben kostete, militärisch besiegte – in solchem Maße, dass ein zeitgenössischer Beobachter, der beide Regime fortlaufend analysierte, sie (1939) einem „Zwillingsgestirn“ verglich. (Trotzki, „Das Zwillingsgestirn Hitler-Stalin“ [4.12.1939], in: Trotzki [1988], Text 63.)
2. Vgl. dazu Dahmer (2020), Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen, Münster (Westfälisches Dampfboot).
3. Zu den berüchtigten „Nationalen Operationen“ der GPU gegen missliebige nationale Minderheiten im Russland des „Großen Terrors“ (1937/38) s. Dahmer (2022), S. 218 (Anm. 87).
4. „Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“ Marx (1867), Kap. 24 („Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“), S. 790.
5. S. dazu R. Hilferding (1910), Das Finanzkapital, Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Berlin (Dietz) 1947; Kap. XXIII („Das Finanzkapital und die Klassen“).
6. Vgl. dazu Dahmer (2017), „Autoritärer Charakter und autoritärer Staat“, in: Dahmer (2019), S. 200-214.
7. Nietzsche nannte solche Demagogen „Priester“: „Der asketische Priester muss uns als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Herde gelten: damit erst verstehen wir seine ungeheure historische Mission. Die Herrschaft über Leidende ist sein Reich […], er muss den Kranken und Schlechtweggekommenen von Grund aus verwandt sein, um sie zu verstehen, – um sich mit ihnen zu verstehen […]. Der Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment. Jeder Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Thäter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Thäter […]“ Zur Genealogie der Moral (1887), Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Bd. 5; III. Abhandlung, Abschn. 15, S. 372 ff. Max Horkheimer hat den Typus des von Nietzsche analysierten bürgerlichen Demagogen und Volkstribunen – in seiner (1936 veröffentlichten) Studie „Egoismus und Freiheitsbewegung“ – anhand von historischen Beispielen (von Cola di Rienzo bis Robespierre) näher bestimmt. Vgl. dazu Dahmer (2019), S. 94-102.
8. Zu den Abwehrmechanismen der Verleugnung und des Ungeschehen-Machens s. Fenichel (1945), Bd. I, Kap. IX.
9. Die in Reaktion auf das katastrophale Ende des „Dritten Reichs“ 1945 entstandene „Tradition“, auf überwältigende Gefahren mit Verleugnung zu reagieren, war nicht nur in den „Querdenker“-Demonstrationen der Jahre 2020/21 in Deutschland und Österreich vorherrschend, sondern beherrscht hierzulande auch die Leugner des Klimawandels.
