Betriebs­rats­wah­len 2026

Noch mehr Krat­zer im Lack? (II)*

 

H. N.

Neben der Schwä­chung vor allem von IGM-Lis­ten in Hoch­bur­gen der Auto- und Zulie­fer­indus­trie haben wir bei den nun zu Ende gegan­ge­nen BR-Wah­len eine merk­li­che Zunah­me offen oder ver­deckt antre­ten­der rech­ter Lis­ten fest­stel­len müs­sen (vgl. Avan­ti² Nr. 141). Der ent­schei­den­de Fakt ist jedoch ein anderer.

DGB-Demo in Mannheim, 1. Mai 2026. (Foto: Helmut Roos.)

DGB-Demo in Mann­heim, 1. Mai 2026. (Foto: Hel­mut Roos.)

Laut den aktu­el­len Zah­len gibt es nur noch in knapp 10 % der Fir­men Betriebs­rä­te. Sie ver­tre­ten etwa 40 % der Beschäf­tig­ten. Das ist Ergeb­nis einer stra­te­gi­schen, sich ver­schär­fen­den Kam­pa­gne der Kapi­tal­sei­te gegen das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz (BetrVG).

Der bekann­tes­te Fall Tes­la Grün­hei­de (vgl. Avan­ti² Nr. 140) ist nur die Spit­ze des Eis­bergs. In zahl­lo­sen klei­nen, mitt­le­ren oder gro­ßen Betrie­ben führt eine Mischung aus Unwis­sen­heit, Pas­si­vi­tät und Mut­lo­sig­keit dazu, dass Beschäf­tig­te ihre ver­brief­ten Rech­te aus dem BetrVG nicht wahrnehmen.

Legal, ille­gal, ganz egal
Sei­tens des Kapi­tals fin­det zudem eine gan­ze Palet­te ille­ga­ler Maß­nah­men Anwen­dung, die sys­te­ma­ti­sches Betriebs­rats­mob­bing vor­an­trei­ben. Das fängt bei der Bekämp­fung der Neu­grün­dung von Betriebs­rä­ten an. In etwa jedem fünf­ten Fal­le ver- suchen Bos­se, von vor­ne­her­ein die Wahl eines BR zu verhindern.

Nen­nen wir nur eini­ge aktu­el­le Bei­spie­le. Bei Scheu-Den­tal (Iserlohn/Limburg) bekämpf­te die Fir­men­lei­tung mas­siv die Bil­dung eines Wahl­vor­stands. Kurz vor der ange­kün­dig­ten Wahl­ver­samm­lung hielt das Manage­ment eine eige­ne „Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung“ ab und schüch­ter­te Wahl-Initiator:innen ein.

Die Auto­ver­mie­tung Sixt kün­dig­te Ende Febru­ar 2026 drei Beschäf­tig­ten „außer­or­dent­lich und frist­los aus wich­ti­gem Grund“. Ihr „Ver­ge­hen“: Sie hat­ten einen Auf­ruf zu einer Wahl­ver­samm­lung ver­fasst, in der Flens­bur­ger Filia­le aus­ge­hängt und an die wei­te­ren Nie­der­las­sun­gen in Schles­wig-Hol­stein ver­schickt. Eine arbeits­ge­richt­li­che Ent­schei­dung steht noch aus. Die zustän­di­ge Gewerk­schaft ver.di hat Straf­an­zei­ge gegen ver­ant­wort­li­che Sixt-Mana­ger gestellt.

Erfolg­reich wur­den hin­ge­gen die von fünf Kün­di­gun­gen beglei­te­ten Atta­cken der Fir­men­lei­tung des Auto­zu­lie­fe­rer Para­gon (Landsberg/Lech) juris­tisch gestoppt. Mit einer Gerichts­voll­zie­he­rin und dem IGM-Betriebs­be­treu­er als Beglei­tung konn­te der Initia­tor der BR-Wah­len Samir A. sich wie­der Zugang zum Betrieb ver­schaf­fen, um BR-Wah­len am 22. April 2026 zu ermög­li­chen. Deren Ergeb­nis ist aller­dings bis­her nicht öffent­lich bekannt.

Rau­es und gro­bes Auftrumpfen
Beson­ders raue Metho­den wen­de­te im Vor­feld der BR-Wah­len ein Bus-Unter­neh­men in der Rhein-Neckar-Regi­on an. Mit­tels einer offen­kun­dig betrü­ge­ri­schen Insol­venz ent­le­dig­te es sich der meis­ten Beschäf­tig­ten, des Betriebs­rats und der Tarifbindung.

Beim Maschi­nen­bau-Kon­zern Trumpf (Dit­zin­gen) sahen sich enga­gier­te IGM-Kolleg:innen schon früh im Vor­feld der BR-Wah­len mas­si­ven Ein­schüch­te­run­gen aus­ge­setzt. Mit Abmah­nun­gen, Dif­fa­mie­run- gen und aggres­si­ver anti­ge­werk­schaft­li­cher Stim­mungs­ma­che konn­te die Geschäfts­lei­tung eine schwe­re Nie­der­la­ge der IGM-Lis­ten her­bei­füh­ren. Die offen­kun­dig geset­zes­wid­ri­ge Durch­füh­rung des „Wahl­vor­gangs“ selbst ist bezeich­nend für die Skru­pel­lo­sig­keit in die­sem „Vor­zei­ge­un­ter­neh­men“. Drei klei­ne­re Wahl­lo­ka­le waren nur für zwei Stun­den, das grö­ße­re mit­ten in der Kan­ti­ne – zudem wäh­rend der Essen­aus­ga­be - für ledig­lich fünf Stun­den geöff­net. Die Wahl­ka­bi­nen konn­ten vom Ein- gang, von den Fens­tern und von der Gale­rie aus ein­ge­se­hen werden.

Skan­dal bei Sie­mens Energy
Noch skan­da­lö­ser waren die Vor­gän­ge bei einem wei­te­ren deut­schen „Welt­kon­zern“. Bei Sie­mens Ener­gy (Erlan­gen) erreg­te das Mob­bing gegen die Betriebs­rä­tin Isa­bel­la Paa­pe sogar öffent­li­ches Aufsehen.

Bereits im Novem­ber 2025 kün­dig­te der Kon­zern der akti­ven IGM-Gewerk­schaf­te­rin frist­los und erteil­te ihr ein Haus­ver­bot. Gerecht­fer­tigt wur­de die­ses exis­tenz­ge­fähr­den­de Vor­ge­hen mit kon­stru­ier­ten Vor­wür­fen. Die BR-Mehr­heit stimm­te die­ser offen­sicht­lich unbe­rech­tig­ten Kün­di­gung zu und mach­te sich zum Hand­lan­ger des Managements.

Per Gericht erstritt sich Kol­le­gin Paa­pe den Zugang zum Betrieb, um Wahl­wer­bung betrei­ben zu kön­nen. Bei der Wahl am 5. März 2026 errang ihre Lis­te „Gemein­sam AKTIV“ trotz der Kon­zern­ma­chen­schaf­ten statt bis­her zwei nun drei Sit­ze. Sechs Wochen nach die­sem Erfolg erklär­te das Arbeits­ge­richt Nürn­berg die frist­lo­se Kün­di- gung Isa­bel­la Paa­pes end­lich für unwirksam.

Ein not­wen­di­ges Fazit
In wei­ten Tei­len der Arbeits­welt brei­tet sich der Klas­sen­kampf von oben immer radi­ka­ler aus. Die Vor­gän­ge im Zusam­men­hang mit den BR-Wah­len 2026 sen­den Alarm­si­gna­le aus. Gewerk­schaft­lich und betrieb­lich Akti­ve müs­sen sie erken­nen, um den Wider­stand gegen die Kapi­tal­of­fen­si­ve inner­halb und außer­halb der Unter­neh­men erfolg­reich orga­ni­sie­ren zu können.

Aus Avan­ti² Rhein-Neckar Juni 2026
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